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Wir sind in einer großen Stadt irgendwo auf der Welt. Es ist früh am Morgen. Ein Mann wacht mit einem Lächeln auf den Lippen in seinem Bett auf. In den Armen hält er keine Frau sondern ein Bild.

Wie kam es dazu? Ist er ein Maler, der über seiner Arbeit eingeschlafen ist? Ist das Bild ein Rembrandt und er traut seiner Alarmanlage nicht? Oder ist er auf eine traurige und sehr spezielle Weise krank, eine Art "Bildophiler"? Drehen wir die Uhr doch einfach 24 Stunden zurück, und begleiten den Mann ein Stück: Es scheint kein besonders guter Tag für unseren Mann zu werden. Das fängt schon unter der Dusche an, als er die Wasserhähne miteinander verwechselt und statt der erhofften wohligen Wärme plötzlich ein eisiger Schauer seinen Körper auf ihn niederprasselt. Sein kleiner König zieht sich daraufhin beleidigt in sein Schloss zurück und dreht aus reiner Boshaftigkeit noch eine extra Runde um die schon stark mitgenommene Leber. Nachdem unser Mann die Dusch-Situation durch einen wenig eleganten Sprung auf die harten Badfliesen gemeistert hat, ist er bereit, auch dem Rest dieses bereits verkorksten Tages ins Auge zu blicken. Verstehen Sie mich richtig, unser Mann ist kein Verlierer und auch nicht verzweifelt. Er hat einen guten Beruf, eine schöne Wohnung, die meisten Menschen mögen ihn und in der Steuersache konnte ihm auch nichts nachgewiesen werden. Aber es fehlt etwas in seinem Leben. Etwas, das ihm eine Richtung zeigt, ihm und seinem Dasein einen Sinn gibt und ihm das Gefühl vom "Angekommensein" verleiht. Für viele ist das Wolfgang Petry, aber unser Mann kann sich einfach nicht an diese Musik gewöhnen. Er macht sich also auf den Weg zur Arbeit. Das Büro, in dem er arbeitet, unterscheidet sich durch nichts von anderen Büros. Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist betont freundschaftlich, alle mögen sich, niemand würde je Schlechtes über den anderen sagen, es wird gelacht und miteinander gescherzt, und das Arbeiten wird nur dadurch erschwert, dass sich niemand traut, auf Toilette zu gehen, um nicht Opfer des Klatsches zu werden, der währenddessen natürlich stattfinden wird.

Nach der Arbeit, es geht gegen Sechs, will sich unser Mann noch etwas vom Thailänder holen, weil er gelesen hat, das sei jetzt "in" und er will ja nicht "out" sein. Er geht also seine Straße entlang, die er schon hunderte Male entlang gegangen ist und bleibt plötzlich, wie vom Blitz geschlagen, stehen. Mit weit aufgerissen Augen starrt er auf die andere Straßenseite und es schießt ihm durch den Kopf: " Das ist es. Ich hab es gefunden. Oder hat es mich gefunden? Egal, ich muss es haben. Sofort." Ein unbeteiligter Betrachter, der den Kopf in dieselbe Richtung wendet, würde folgendes sehen: eine junges Mädchen, das vor einem kleinen Antiquariat steht. Das Mädchen ist das, was man in gewissen Kreisen als "Granate" bezeichnen würde. Es befindet sich in der oft leider viel zu kurzen Phase zwischen körperlicher Blüte und chronischer Cellulites. Aha, würde der unbeteiligte Betrachter denken, die Kleine hat´s ihm wohl angetan. Aber als das Mädchen seinen Weg fortsetzt und sich aus dem Blickfeld entfernt, steht unser Mann noch immer mit aufgerissenen Augen und verklärter Miene auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es ist nicht das Mädchen, das ihn verzaubert hat. Es ist ein Bild, das im Fenster des Antiquariates steht.

Er, der sich nie besonders stark für Kunst interessierte, hat sein Gleichgewicht, seine Richtung im Leben innerhalb von Sekunden in einem Bild gefunden. Ganz plötzlich und einfach so. Und während Millionen anderer Menschen noch dem ihren hinterher jagen, hält er sein neues Glück ganz fest umarmt - sogar im Schlaf. Unser Mann ist also weder ängstlich noch absonderlich veranlagt. Er ist einfach nur glücklich. An das Einfachste denkt man immer zuletzt.

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